Von einer Bananenrepublik ohne Bananen und mit viel Erdöl

Venezuela

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Dienstag, 28. Juli 2009

Revolution und Armut

Kürzlich veröffentlichte Studien über die Entwicklung der Armut in Venezuela seit der Machtübernahme durch Hugo Chávez und seine revolución können aufgrund ihrer Ergebnisse nicht unerwähnt bleiben - wenn auch für die Bedeutung des Themas unangemessen kurz.
Während die Daten über Armutsentwicklung seitens des Instituto Nacional de Estadística (INE) oft dazu verwendet werden, die Verbesserung der Lebensumstände der Venezolaner zu belegen, zeigen zusätzliche Untersuchungen ein weniger vorteilhaftes Bild. Neben der Antwort auf das "Ob" einer Armutsreduzierung ist auch die Frage nach dem "wie angemessen" wichtig, wenn man bedenkt, dass der Regierung im letzten Jahrzehnt astronomische Ölexporteinnahmen zur Verfügung standen und sie damit eine vermeintlich "armenfreundliche" Politik verfolgt.
Zur Verdeutlichung der verschiedenen Ergebnisse, habe ich Daten verschiedener Quellen grafisch dargestellt.



Laut INE ist die Armut zwischen 2000 und 2007 insgesamt von 48,3% auf 33,6% gesunken, davon die extreme Armut (Einkommen geringer als Nahrungsmittelkorb) von 19,5% auf 9,6%.
Abbildung 1 bietet eine Darstellung dieser Entwicklung. In den Fußnoten des INE wird erwähnt, dass die Armutsgrenze durch die Einführung der Misión Mercal (staatliche Lebensmittelläden) angepasst wurde. Wie genau und ab welchem Zeitpunkt dieser "Bruch" in der Statistik auftritt, wird nicht gesagt (zumindest habe ich keine Angaben zur Methodenänderung gefunden). Mercal wurde offiziell im April 2003 eingeführt und sollte die Armut der Bevölkerung durch den Verkauf von Lebensmitteln zu niedrigen, relativ fixen Preisen lindern. Aus einem Zeitungsartikel (den ich leider nicht wiederfinde) ging hervor, dass die Regierung davon ausgeht, mindestens 90% der Venezolaner hätten Zugang zu diesen staatlichen Läden (mehr zur Misión Mercal bei Gelegenheit an anderer Stelle). Der Präsident monierte in einer seiner sonntäglichen Shows die "alte, kapitalistische Art" der Armutsmessung. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Berücksichtigung von Mercal ab spätestens Anfang 2005 in die Statistik einfliesst und offenbar davon ausgeht, dass tatsächlich fast jeder Bürger Zugang zu Mercal hat (was fraglich bleibt).

Neueste Untersuchungen durch Luis Pedro Espana, Leiter des Projekts Armutsforschung an der Universidad Católica Andres Bello (UCAB) ziehen einen Vergleich zwischen der Situation der Armen in 1998 und 2008. Die Ergebnisse derselben legen nahe, dass in dem Zehnjahreszeitraum die Armut und besonders die extreme Armut weitaus weniger zurückgingen als die große Flut an Petrodollars in die Staatskassen, dank Ölpreishoch, vermuten lassen.
Abbildung 2 b zeigt die entsprechenden Veränderungen. In zehn Jahren (davon neun unter Präsident Chávez) ging die Armut insgesamt lediglich um ca. 8% zurück, während die extreme Armut gerade einmal um 3% schrumpfte - für nahezu eine Dekade von vielbeworbenen Initiativen und Erhöhungen sozialer Ausgaben kein gutes Ergebnis.
Die Studie betrachtet Segmente der Bevölkerung u. a. entsprechend ihres Einkommens, der Verfügbarkeit von Konsumgütern und Bildungsstand, wobei Haushalte des Segments E die Armsten darstellen, ein Einkommen unterhalb von 418 US$ (offizieller Wechselkurs!) besitzen, somit unterhalb des Werts des Lebensmittelkorbs und die meist nur Grundschulbildung geniessen. Die weiteren Segemente staffeln sich entsprechend der Kaufkraft des Haushalts gemessen in Lebensmittelkörben und weiteren Annehmlichkeiten, wie z. B. das Vorhandensein eines Automobils. Segment B besitzt ein Einkommen von mind. 5 Lebensmittelkörben monatlich.


Luis España kommt zu dem Schluss, dass die wirtschaftliche Expansion nach 2004 zwar deutliche Auswirkungen auf die Einkommen der Bevölkerung hatte, jedoch v. a. für jene, die in der Lage waren, an der "Erdölrente" zu partizipieren. Die grundlegende Verbesserung der Lebensumständer ärmerer Schichten hingegen, bleibt ein Mythos. Die Verbesserungen dank Öldollarzuflüssen sind nicht in dem Maße in die untersten Schichten durchgesickert, wie die Regierung so oft versichert. So beträgt der Anteil der staatlichen Transferleistungen zugunsten der Ärmsten (Segment E) nicht mehr als 27%.
Abbildung 2 a zeigt die Anteile der Bevölkerung, die in 1998 und 2008 unter bestimmten Kennzeichen von Armut litten. Nicht nur hat der Anteil der Ärmsten zugenommen, der seine Wohnstätte auf ungedeckten Erdböden hat, auch der Anteil jener Bürger, die ohne Wasseranschluss auskommen müssen, stieg. Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass der Anteil derjenigen aus dem relativ "guten" Segment B, die in den Armenvierteln (Slums) leben müssen, sich mehr als verdoppelt hat, u. a. weil die Verfügbarkeit von Wohnraum beschränkt ist (siehe dazu auch: Mission failed: Habitat).


Auch eine Erhebung durch Datos, ein privates Forschungsinstitut, zeichnet ein wenig vorteilhaftes Bild der Armutsreduzierung allein zwischen Mai 2009 und November 2008. Die durchschnittliche Kaufkraft des überwiegenden Teils der Bevölkerung ist - berücksichtigt man die Inflation in diesem Zeitraum - real gesunken. Etwas mehr als die Hälfte der Befragten gehörten zu Segment E.
Abbildung 3 a stellt die Veränderung des realen Einkommens für Segmente C bis E dar. Segmente D und E, die einen Anteil von zusammen 81% haben (vgl. Abbildung 3 b), verzeichnen einen deutlichen Rückgang des Monatseinkommens. Segment C geniesst noch einen kleinen realen Zuwachs. Der gewichtete Durchschnitt des Einkommensverlustes für die drei betrachteten Segmente (zusammen 96% der Gesamtmenge) im o. a. Zeitraum betrug ca. 9%. Die meisten verdienen weniger, während wenige mehr verdienen. Eine Untersuchung über die Ungleichverteilung der Einkommen (Gini-Koeffizient ohne Nulleinkommen ) durch Rodríguez belegt ebenfalls diese Tendenz (Verweis wird nachgereicht).

Da wegen der Unklaren Methodik des INE (es findet sich keine nachvollziehbare Dokumentation der Änderungen) möglicherweise die Vergleichbarkeit heutiger Daten mit Referenzpunkten aus der Vergangenheit beeinträchtigt sein könnte, ist das Hinzuziehen zusätzlicher Untersuchungen mit intertemporal gleichbleibenden Methoden notwendig. Nicht nur weisen die zwei angeführten Untersuchungen ein bescheidenes Ergebnis bei der Armutsreduktion aus, es besteht offenbar gerade in den letzten Monaten sogar ein weiterer Rückgang der untersten Einkommen und somit eine Verschärfung der Armut.
Nachdem die Arbeitslosenzahlen seit April wieder leicht ansteigen und mittlerweile weitere Arbeitsplätze wegfallen, während der Staat nur mit großer Mühe die sozialen Ausgaben aufrecht erhält, könnte diese Entwicklung sich in 2009 weiter vertiefen.
Der Mangel an Transparenz bei der Entwicklung und Durchführung sozialer Projekte, das Fehlen von Kontrollen und Aufsicht staatlichen Handelns ist so weit verbreitet und systematisch, dass es offenbar gewollt ist (qui bono?). Die Rekordeinnahmen, die die bolivarische Revolution verwalten konnte, haben miserable messbare Ergebnisse geliefert. Aber wie soll man die Ausgaben ohne Monitoring und laufende Auswertungen (Dokumentation harter Daten verschiedener sozialer "Missionen" nicht verfügbar) effizient verwenden?
Das deutlichste Ergebnis bleibt das Fehlen von Nachhaltigkeit bei der Wahl und Durchführung der Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensumstände der Armen. Sämtliche Programme sind nicht aus sich selbst heraus oder aus stabilen Haushaltsposten tragfähig und tragbar, sondern hängen direkt mit der Entwicklung der Öleinnahmen zusammen. Die Volatilität der Öleinnahmen scheint immer stärker auch die Volatilität der Einkommensverhältnisse der unteren Schichten zu bestimmen (mehr zu diesem Thema in einem zukünftigen Beitrag). Auf welchem Planeten eine Regierung eine solche Sozialpolitik als Erfolg verkaufen kann, bleibt ein Rätsel. Dieser kann es nicht sein...

Montag, 15. Juni 2009

Mission failed: Robinson

Beim Stöbern in der deutschsprachigen Wikipedia stolperte ich zufällig über den Artikel "Bolivarianische Missionen". Die Beschreibung der Missionen, besonders ihrer vermeintlichen Erfolge, entspricht dem recht einseitigen Bild, das das politische Projekt Hugo Chávez' im deutschsprachigen Raum geniesst. Besieht man sich die angeführten Quellen, verwundert diese unkritische Beurteilung weniger: Angaben der venezolanischen Regierung, Dario Azzellini, eher ein Apologet der bolivarianischen Revolution und das als völlig unkritsch (weil ideologisch sehr nahestehend) anzusehende amerika21.de.
Der Verweis auf diese Quellen wäre nicht problematisch, wenn sie geeignet wären, nicht nur eine rein politisch motivierte Auskunft zu geben, sondern die beanspruchten Erfolge mit objektiven Beweisen zu belegen. Diese fehlen.

Im Abschnitt "Erfolge" besagten Artikels steht bezüglich der Misión Robinson (Alphabetisierung) der Satz:
"Den sichtbarsten Erfolg konnte wohl die Misión Robinson erreichen: Die Analphabetenquote wurde in wenigen Jahren von 6,12 auf 1 % gesenkt."
Im darauf folgenden Satz steht auch, dass dies nicht von der UNESCO bestätigt wurde. Dennoch erscheint die Übernahme dieser regierungsamtlichen Erfolgsmeldung aufgrund ihrer Haltlosigkeit einer Enzyklopädie nicht würdig. Wie miserabel beispielweise die Wohnraum-Mission verläuft, habe ich in diesem Beitrag bereits gezeigt. Zwar wurden die zweifelhaften Erfolge der Misión Robinson schon in der Vergangenheit an anderen Stellen ausgiebig diskutiert, da man im deutschsprachigen Raum nach wie vor die offiziellen Angaben ohne Hinterfragung hinnimmt, sei der Fall hier noch einmal kurz aufgerollt. So folgt z. B. Sahra Wagenknecht (Die Linke) der oben zitierten Behauptung (Dank an Kepler für den Hinweis). Bei der Beurteilung des Sachverhalts beziehe ich mich auf die durch Ortega und Rodríguez (Wesleyan Univeristy) 2006 durchgeführte Studie.

Misión Robinson lief im Juli 2003 an und sollte die Analphabetenquote reduzieren. Hierzu wurden landesweit "Trainer" aus der Bevölkerung eingebunden, um den Eingeschriebenen, überwiegend Erwachsene, nach einem vorgegebenen Lehrplan inklusive Videolektionen in sieben Wochen Lesen und Schreiben beizubringen. Die Trainer erhielten dafür ca. US$ 100 monatlich aus der Staatskasse. Bereits vor Ende 2005 meldete die Regierung die Beseitigung des Analphabetentums in Venezuela dank Robinson.

Bereits bei Grundsätzlichkeiten der Mission fallen Inkonsistenzen auf. So geben verschiedene Regierungsstellen abweichende Zahlen über die Menge der einzubindenden Analphabeten. Sie schwanken zwischen 1,4 und 1,5 Mio. Bürger. Zu keiner Zeit wird ein Beleg für die Herleitung dieser Zahlen gezeigt. Zusätzlich geben offizielle Statistiken die Anzahl Analphabeten für 2001 mit lediglich knapp über 1 Million Bürger an.
Das Ministerium für Erziehung rechtfertigte diese Korrektur nach oben mit einer angeblichen Untersuchung, die diesbezüglich im Jahre 2003 durchgeführt wurde. Auch die Ergebnisse oder Verfahrensdokumentation dieser Prüfung sind nirgends einzusehen. Sogar die Anzahl der insgesamt zwischen 2003 und 2005 eingebundenen Trainer variiert je nachdem, wer die Auskunft gibt, zwischen ca. 110.000 und 210.000 Personen. Es ist schon aus diesen Gründen fraglich, wie glaubhaft der Erfolg der Mission sein kann, wenn die zugrundeliegenden Ausgangszahlen selbst offenbar nicht gesichert scheinen.

Die oben angeführte Studie von Ortega & Rodríguez untersucht mit soliden statistischen Methoden, wie groß der Einfluss der Misión Robinson auf die Veränderung der Analphabetenquote ist. Das Ergebnis: Der Einfluß der Reduktion von Analphabetismus durch die Mission ist statistisch (somit ökonomisch) insignifikant. Eine fortgeführte kleine Verringerung von Analphabetismus scheint eher einem langfristigen demographischen Trend zu gehorchen.
Weisbrot und Rosnik (2008) äusserten Vorbehalte gegen die Methodik der im Vorfeld der statistischen Analyse durchgeführten Haushaltsbefragungen durch Ortega und Rodríguez, die wiederum eine (aus meiner Sicht plausible und dominante) wissenschaftliche Antwort auslösten. Einblick in die Auseinandersetzung der Gelehrten hier und hier.

Eine Reduzierung der Analphabetenquote scheint grundsätzlich schlüssig, allerdings nicht auf das Niveau von 1%. Der Human Development Report 2007/2008 der Vereinten Nationen gibt Venezuelas Alphabetenquote mit 93% an und die Zahlen für die letzten Jahre laut CIA World Factbook sind identisch. Die Behauptung von venezolanischer Seite, die UNESCO habe 2005 die Beseitigung des Analphabetismus' in Venezuela anerkannt, wurde durch die UNESCO zurückgewiesen.
Im Gegenteil. Es gibt von Venezuela keine verlässlichen Zahlen zu der tatsächlichen Alphabetenquote und die zuständigen Ministerien verweigern jede Art von international anerkannten Bildungstest und Audits (vgl. PISA der OECD). Glaubt man den Berichten von der Funktionsweise der Misión Robinson, liegt ihre Ineffizienz möglicherweise im Konzept begründet: So herrschte eine hohe Fluktuation unter den Trainern (ca. 40%), da eine Trainerstelle oft nur angenommen wurde, um in einer Phase der Arbeitslosigkeit wenigstens von den US$ 100 monatlich zu profitieren (einige Trainer blieben einfach dem Unterricht fern). Es wird von zahlreichen Fällen berichtet, in denen der zuständige Trainer sich weniger mit der Vermittlung von Lese- und Schreibfähigkeiten befasste als vielmehr mit "politischer (sozialistisch-bolivarianischer) Erziehung" der ihm anvertrauten Lernwilligen.
Die größte methodische Schwäche aus meiner Sicht bleibt jedoch das völlige Fehlen jeglicher Evaluationsmöglichkeiten. Es gibt keine geeigneten Zwischen- oder Abschlussprüfungen, um den ausreichenden Erwerb der Lese-/Schreibfähigkeit festzustellen. Schon aus dem dadurch resultierenden Mangel der Messbarkeit werden die von offizieller Seite behaupteten Erfolge zur reinen Glaubenssache.
Da die venezolanische Regierung keine nachvollziehbaren Daten als Beleg ihrer Erfolgsmeldung liefert (liefern kann?), bleibt eine Beseitigung des Analphabetismus' nicht feststellbar. Einen entsprechenden Änderungsvorschlag habe ich in der Diskussionsseite des Wikipediabeitrages eingefügt.

Mittwoch, 15. April 2009

Mission failed: Habitat

Die Verfügbarkeit von Wohnraum war, ist und bleibt für ein Entwicklungsland wie Venezuela mit seinen hohen Anteilen armer und sehr armer Bevölkerungsschichten ein wichtiges Thema. Da die Mehrheit der Bürger nicht über die Sicherheiten und das Einkommen verfügt, um das eigene Heim nach mitteleuropäischem Muster über einen privaten Bausparvertrag oder ähnliche Instrumente zu finanzieren, kommt dem Staat eine zentrale Rolle bei der Schaffung von (menschenwürdigem) Wohnraum zu.
Artikel 82 der Verfassung Venezuelas dokumentiert die Bedeutung dieser staatlichen Rolle. So ist dieser auch mindestens verpflichtet, die Schaffung von Wohnraum für Familien niedriger Einkommensklassen über geeignete Programme und Baukredite zu gewährleisten.
Präsident Chávez hat seit seiner Machtübernahme 1999 die Umformung der Republik hin zu einem "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" vorangetrieben. Dass dieser Sozialismus mit dem 21. wenig, mit gescheiterten sogenannten sozialistischen Modellen des 20. Jahrhunderts erschreckend viel zu tun hat, wird in diesem Blog an verschiedenen Stellen sicherlich wiederholt zu bemerken sein.
Man könnte meinen, dass für einen so "frischen" Sozialismus das Ziel, den Massen angemessenen Wohnraum zur Verfügung zu stellen, ziemlich weit oben auf der Agenda stehen müsste. Die als Medien- und Propaganda-Ereignisse im Regierungsfernsehen übertragenen Grundsteinlegungen und Fertigstellungsfeiern im Beisein des Präsidenten vermitteln leicht einen solchen Eindruck. Inwiefern die Zunahme an übertragenen Grundsteinlegungen mit der zeitlichen Nähe zu anstehende Wahlen korreliert, ist sicher ein interessantes Untersuchungsobjekt. Die Schaffung von Wohnraum ist auch unter Chávez zunächst ein Posten im Haushalt des korrespondierenden Ministerio del Poder Popular para la Vivienda y Habitat (MVH) und zusätzlich auch ein Ziel einer der vielen misiones: Misión Habitat.

Die genauere Überprüfung der Realität offenbart eine durch die Regierung und ihre Sender generierte grosse Menge heisser Luft in der Angelegenheit. Oft genug waren in der jüngeren Vergangenheit in nicht staatlichen Medien schon Berichte über zuvor gross zelebrierte Wohnraumprojekte, die nun als unfertige Bauruine nutzlos herumstehen, zu finden. Solche Projekte zur Errichtung ganzer Wohnanlagen sind oft so ausgelegt, dass der Staat (ggf. über seine Unternehmen) eine Vielzahl kleiner Kooperativen oder einzelne Handwerker mit dem Bau beauftragt. Endet ein Bau nicht mit der Fertigstellung, sondern mit der Aussetzung der Bautätigkeit an dem unfertigen Gebäude, dann deshalb, weil die vielen einzelnen Vertragspartner des Staates spätestens nach den frühen Bauphasen kein Geld mehr erhalten. Da sich diese Kooperativen und Handwerker völlig einem solchen Projekt widmen und nicht ihr Tätigkeitsportfolio diversifizieren können, hängt von dem Mittelzufluss allzu oft die Existenz ganzer Familien ab.
Die Cámera Venezolana de la Construcción (CVC), der Verband der Bauindustrie, zeigt in einer Studie (von der nicht staatlichen Presse u. a. hier abgedeckt), dass in der aktuellen Dekade unter der derzeitigen Regierung das Wohnungsbauvolumen sogar eines der niedrigsten der letzten 50 Jahre darstellt.
Weniger als Chávez wurde nur in der Dekade nach 1959 pro Jahr gebaut. Damals wurde Rómulo Betancourt erstmals seit dem Ende der gerade beendeten Diktatur von Marcos Pérez Jiménez demokratisch zum Präsidenten gewählt. Wird das durchschnittliche jährliche Neubauvolumen jedoch auf die jeweilige Bevölkerungszahl der Dekaden umgelegt, schneidet die jetzige Regierung als schlechteste ab. Siehe dazu Grafik weiter unten.

CVC schätzt in der Studie das angehäufte Defizit an Wohneinheiten auf 1,85 Millionen. Diese Schätzung wird sogar in der Selbstbeschreibung der von der Regierung 2005 initiierten Misión Habitat bestätigt. Diese beruft sich auf Angaben des Instituto Nacional de Estadistica (INE), das Statistikamt, welches sogar einen erweiterten Neubaubedarf von bis zu 2,5 Mio. Einheiten für möglich hält. Hieran lässt sich erkennen, dass die der Regierung ergebenen zuständigen Organe offenbar niemals eine Studie oder einfach einen Soll-Ist-Vergleich vorgenommen haben, sonst wären diese Zahlen, die gleichsam als Beleg der Unzulänglichkeit der Baupolitik der letzten zehn Jahre dienen, sicher nicht so leicht erhätlich gewesen...

(Bild anklicken zum Vergrössern) Das Diagramm oben links zeigt die durchschnittliche jährliche Anzahl an Neubauten je Dekade ab 1959 (je zwei Präsidentenamszeiten, Chávez durchgehend ab 1999). Oben rechts die durchschnittliche Zahl an Neubauten pro 1000 Einwohner je Dekade. Die untere Darstellung gibt den jährlichen Neubaubedarf der nächsten 20 Jahre an, wobei von einem Defizit von ca. 1,8 Mio. Wohneinheiten ausgegangen wird. Der jährliche Neubaubedarf teilt sich auf in einen Teil, der regelmässig durch Bevölkerungswachstum und Erhaltungseffekte bedingt ist und einen, der zur Aufholung des Defizits dienen muss. "Fortsetzung Realität" zeigt als Referenz die jährliche Neubaurate unter Fortsetzung der bisherigen Baupolitik der Regierung.

Die Ursachen für diese schwache Bautätigkeit ist sicherlich in der nicht langfristig ausgelegten Politik des Präsidenten zu finden. Wer Neubauten vornehmlich als Werbeveranstaltung vor anstehenden Wahlen unterstützt, muss unweigerlich auf lange Sicht in diesem Bereich underperformen. Spuren einer nachhaltigen Wohnungsbau(förderungs-)politik sind eigentlich, ausser in den Absichtserklärungen des zuständigen Ministeriums, nicht zu finden. Hierzu gehört nicht nur die konstante Förderung von Bautätigkeit durch staatliche Kredite oder Aufträge, sondern z. B. auch die angemessene Freigabe und Erschliessung von Bauland.

Die Misión Habitat, zusammen mit dem zuständigen Ministerium, beabsichtigt laut den selbst gesteckten Zielen, das riesige Wohnraumdefizit bis 2021 zu beseitigen. Dies erscheint mit Blick auf die magere Leistung des Regimes in den letzten zehn Jahren nahezu unmöglich.
CVC schätzt den jährlichen Wohnungsbaubedarf auf 200.000 Einheiten, wenn das Defizit in 20 Jahren abgebaut sein soll und gleichzeitig dem natürlichen Wachstum des Wohnraumbedarfs Rechnung getragen werden soll. Dies entspräche geschätzen 7,5 Wohneinheiten pro 1000 Einwohner pro Jahr für 20 Jahre!
Die derzeitige Regierung müsste also ihre mickrigen 1,56 Einheiten pro 1000 Einwohner im Jahr fast verfünffachen. Dies ist selbst wesentlich mehr als die im Vergleich mit 5,3 Einh./1000Einw. recht starke Caldera-Pérez-Zeit. Man bedenke, dass die Regierung sich die Erfüllung dieses Ziels ja bis 2021 vorgenommen hat. Eine Zielerreichung erscheint ja bereits im 20-Jahre-Horizont utopisch... Jetzt, wo die stark reduzierten Erdöleinnahmen zu grösseren Einsparungen und Neuverschuldung führen, ist eine großzügige Stimulierung des Wohnungsbaus nicht realistisch anzunehmen.

Die Bauindustrie empfiehlt zur Überwindung dieser sich anbahnenden Krise u. a. die Schaffung und Wahrung einer gewissen Rechtssicherheit (riskante, weil bzgl. Bezahlung und Durchführung ungewisse staatliche Projekte schrecken eher ab. Zur schwindenden Rechtssicherheit u. a. mehr hier), die Formulierung einer langfristigen und nachhaltigen Baupolitik, die Beteiligung aller Sektoren (nicht nur der dem Regime genehmen oder eigenen Unternehmen) und das Angebot an günstigen Finanzierungsmöglichkeiten zum Bau und Erwerb von Wohnraum. Ausserdem muss das bisherige Gesetz zur Förderung von Wohnungsbaukrediten angepasst werden. Dieses sieht einen Rückzahlungsbeitrag von ca. 20% des monatlichen Familieneinkommens vor. Da die Haushaltseinkommen aber in Venezuela nur sehr langsam steigen, die Inflation hingegen im Turbogang voranschreitet, wirkt die Rückzahlung erdrückend. Eine an den realen Einkommen bemessene Rückzahlung wäre angemessener.

Das können wir getrost alles vergessen. Meiner Einschätzung nach, wird die deutliche Verschlechterung der Wohnsituation in den kommenden Jahren zu beobachten sein. Selbst eine Verdopplung der Bautätigkeit bliebe noch weit hinter dem notwendigen Volumen zurück.
Der Posten für Wohnungsbau und seine Förderung muss laut CVC von derzeit 1,5% des Staatshaushalts auf mindestens 5% angehoben werden - zusätzlich zu den oben angeführten Verbesserungen der Rahmenbedingungen.
Der Anblick der barrios und ranchos, den Wellblechsiedlungen der Armen am Rand der Großstädte, die bei den starken Regenfällen nicht selten die Hänge runtergeschwemmt werden, dabei Hauptstrassen verstopfen und Menschen töten, wird weiterhin fester Bestandteil der urbanen Landschaft bleiben.
Die erdölbasierten Staatseinnahmen in den letzten zehn Jahren unter Chávez waren die höchsten aller Zeiten. Noch nie hat einer Regierung eine solche Fülle an Geld zur Verfügung gestanden. Offenbar kann man trotz Rekordeinnahmen erfolgreich die nationalen Grundbedürfnisse völlig vernachlässigen.
Sind jene ohne Dach einmal auf der Strasse, ist zu erwarten, dass sie dort den naheliegendsten Weg zur Beseitung des ineffizienten Filz-Regimes finden werden. Und dieser führt ganz bestimmt nicht über Wahlurnen, sondern schmeckt vielmehr nach Blut und Tränengas.